
Städtepartnerschaft Sderot - Berlin Zehlendorf
Jugendgruppe aus Sderot zu Gast in Berlin
“Atem bi Bror Chail”? Fragte ich zwei junge Mädchen am 22. Juli, die gerade mit Koffern beladen aus der Ankunftshalle des Flughafens Schönefeld kamen. Ja, sie waren es und gleich darauf kamen die anderen Mitglieder der erwarteten Jugendgruppe aus dem mit unserem Bezirk befreundeten Kibbuz Bror Chail, welches im Süden Israels liegt, 10km entfernt von unserer Partnerstadt Sderot, die seit Jahren unter dem Beschuss mit Kassam-Raketen aus Gaza zu leiden hat.
Da waren sie nun, 14 Mädchen und 2 Jungen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. Dazu ihre beiden Betreuer: Meine langjährige Freundin Dworah, deren 3 Kinder ich aufwachsen gesehen habe und die nun schon selbst Kinder haben, und Ilan, ein Elitesoldat. Sie jubelten über den leichten Regen in unserer Stadt. In Israel ist es um diese Zeit brütend heiß und alle hatten sich schon sehr auf ein angenehmeres Klima in Berlin gefreut. Aber die Freude hielt sich im Laufe des Tages in Grenzen, denn zeitweise goss es stundenlang in Strömen, so dass einige Punkte aus unserem Besuchsprogramm buchstäblich ins Wasser fallen mussten.
Wir hatten lange überlegt, welche Dinge unsere Gäste am meisten interessieren könnten. So standen das Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Stelenfeld), das Jüdische Museum, das Haus der Wannseekonferenz und die Gedenkstätte Sachsenhausen auf dem Programm. Mit bewährten Stadtführern aus dem Städtepartnerschaftverein Steglitz-Zehlendorf, die alle ehrenamtlich die Gruppe begleiteten und ausführlich informierten, fuhren wir quer durch die Stadt und die Israelis waren aufmerksame Zuhörer. Es stellte sich dann bei den anschließenden Gesprächen heraus, dass es eigentlich in Israel genügend Gedenkstätten gibt und ausführlich über den Holocaust informiert wird. Mehr interessiert war man daran, die Orte zu besuchen, wo die Mauer stand und zu erfahren, wie es denn war, mit der Mauer in Berlin zu leben und was los war, als sie 1989 fiel. Daher erfüllten wir den Wunsch durch eine Besichtigung des Mauerparks an der Bernauer Straße und der East Side Gallery. Bei einer Bootsfahrt durch das Regierungsviertel erläuterten wir den ehemaligen Grenzverlauf und auch am Brandenburger Tor gab es genug zu sehen, um den Gästen einen Überblick über die damalige Situation zu geben. Am wichtigsten waren aber die Kontakte zu den Berliner Jugendlichen, die im letzten Jahr zum ersten Mal in Israel und in Bror Chai bei Familien untergebracht waren. Wenn auch einige verreist waren, andere tagsüber arbeiten mussten – abends waren alle im Jugendgästehaus anzutreffen. Besonders interessiert waren die Israelis daran, sich einige unserer Kirchen anzusehen. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass bei deutschen Gruppen in Israel immer der Wunsch aufkam, eine Synagoge zu besuchen.
Trotz eineiger Sprachhindernisse haben sich alle gut verstanden – wozu sind denn Hände und Füße da? Bei den Sprachschwierigkeiten fällt mir ein , dass mein Englischlehrer mal zu meiner Mutter sagte: „Ihre Tochter ist nicht faul, sie ist stinkendfaul.“ Da hatte er wohl recht, denn Vokabeln lernte ich nur im Notfall. Und daran muss ich immer denken, wenn ich in Israel bei meiner Freundin Dwora bin, die ein perfektes Englisch spricht. Aber im Laufe der Jahre habe ich viel von ihr gelernt, d.h. nicht Hebräisch, aber meine englischen Sprachkenntnisse konnte ich erweitern.
Eine Busrundfahrt führte durch Steglitz – Zehlendorf, wobei die Spiegelwand zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am Hermann-Ehlers-Platz großes Interesse fand und eine längere Diskussion auslöste. Anschließend empfing Bezirksbürgermeister Norbert Kopp die Gäste im Rathaus zu einem informativen Gespräch.
Jeden Tag war die Gruppe mit Bus und Bahn unterwegs, besuchte den Reichstag, den Berliner Zoo und bekam auf dem Fernsehturm einen Überblick über die Stadtmitte. Leider machte der Regen einen Strich durch die weiteren Pläne. So mussten wir eine Radtour durch den Grunewald, ein Besuch des Filmparks Babelsberg und eine Besichtigung der Potsdamer Sehenswürdigkeiten ausfallen lassen. Dafür verbrachten die Jugendlichen einen Tag im Erlebnisbad „Turm“ in Oranienburg, was sehr viel Spaß machte.
Einer der Höhepunkte war dann ein Besuch der Show „Blue Men Group“ am Postsdamer Platz. Noch Tage danach amüsierte man sich darüber, wie sie – sie saßen in den ersten 4 Reihen vor der Bühne – mit blauer Farbe bespritzt wurden.
Bei allen Ausflügen waren immer einige Berliner Jugendliche dabei und abends strömten sie dann in das Jugendgruppenhaus, wo sie bereits von den Israelis sehnsüchtig erwartet wurden. Da es im Kibbuz wenig Abwechslung gibt und das Nachtleben eigentlich nur im entfernten Tel Aviv stattfindet, waren alle sehr daran interessiert, die Discos in Berlin kennenzulernen. Die Berliner Jugendlichen haben sich große Mühe bei der Auswahl der geeigneten Lokalitäten gegeben und zusammen mit den Freunden aus Bror Chail die Nächte zu Tagen gemacht.
Am Abend vor der Abreise gab es ein großes Abschiedsfest im Freien, ohne Regen. Alle Freunde kamen und man plante schon für das kommende Jahr weitere Begegnungen in Israel und Berlin. Als Bezirksbürgermeister Kopp ein paar Abschiedsworte sagen und die Gäste sich bedanken wollten, stellte sich heraus, dass der bestellte Dolmetscher nicht da war. Aber, oh Wunder, eine Journalistin, die einen Artikel über die Begegnung schreiben wollte, war Jüdin und sprach perfekt Hebräisch. Sie sprang spontan ein und übersetzte fließend. Noch einmal herzlichen Dank an sie. Und am nächsten Abend hieß es Abschied nehmen mit dem Versprechen, sich auf jeden Fall wieder zu sehen.
Dieser Artikel von Gisela Hornung erschien in der Vereinszeitschrift „Partnerschaftsforum“ des Vereins zur Förderung der partnerschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen Steglitz – Zehlendorfs e.V. 2012.
Foto: Synagoge in Bror Hayil
Quelle: Lutz Fischer Lamprecht, Creative Commons Attribution 3.0 Unported Lizenz (Wikimedia)
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