Humor ist, wenn man trotzdem lacht:

Das Schwein von Gaza

Es gibt Witze, die sind einfach nur blöd und deshalb genau genommen eigentlich keine Witze. Dazu gehört es, seiner Schwiegermutter vor Publikum unter den Rock zu fassen, nur “spaßeshalber”, und “hihi” zu machen. In der verzweifelten Hoffnung, dass dann auch andere Leute “hihi” machen – und sei es auch nur, um sich über denjenigen lustig zu machen, der sie zu amüsieren versucht.

von Gerrit Liskow

Ein bisschen auf dem selben Niveau ist die Grundidee von “Das Schwein von Gaza”: Der Fischer Jaafar findet eines Tages als Beifang ein vietnameisches Hausschwein in seinem Netz, das kapeister gegangen ist, bevor es zu Shop Suey verarbeitet werden konnte (auch in der vietnamesischen Küche werden frische Zutaten bevorzugt); man könnte also statt von einer Grund-Idee auch von einer Grunz-Idee sprechen und jetzt seien Sie bitte brav und machen “hihi”, verehrte Leserinnen und Leser, denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Eine 'Völkerverständigungskomödie', bei der die Komödie das Missverständnis bleibt

Wenn Sie nun meinen, die Grundidee von “Das Schwein von Gaza” verhalte sich zu einer Komödie von George Cukor oder Ernst Lubitsch, oder etwa zu “Die Band von nebenan”, wie ein Hundehaufen zum Himalaya, dann liegen Sie in etwa richtig.

Ein palästinensischer Fischer, der ein Schwein fängt, ist ungefähr so lustig, wie die gesammelten Pointen von Heinz Erhardt (“Immer diese Fahrradfahrer/Autofahrer/etc.”) und in etwa so kurzweilig, wie die “Carry-on”-Serie, die sogar gegen den souveränen Ruf, den der britische Humor genießt, nur sehr wenig ausrichten konnte.

Aber gemach, verehrte Leserinnen und Leser. Auch für Gags, die sich auf dem freien Markt aus eigener Kraft nicht durchsetzen können, gibt es eine Hoffnung: ein Ersatz-Markt wird geschaffen und er wird – wie sollte es anders sein – behördlich administriert.

Dieser Ersatz-Markt ist das Schattenreich der Filmförderung, und in diesem Fall war es die Filmstiftung NRW, die einsprang, wo RTL und SAT1 sich zu ihrer Rettung aus dieser leidigen Angelegenheit darauf berufen konnten, dass bei ihnen noch immer die Kasse stimmen muss – im Gegensatz zur öffentlichen Hand.

Was also auf dem freien Markt zurecht chancenlos gewesen wäre, wurde mit viel öffentlichem Aufwand zur Kultur veredelt und mit einem hohen ethischen Anspruch versehen dem Publikum serviert: eklatantes Mittelmaß, mit einem aktuellen “politischen” Anspruch geschmückt – voilà, die “Völkerverständigungskomödie” erblickt das Licht der Welt.

Wohingegen in nennenswerten Komödien die Verständigung die Missverständnisse bereitet, ist es in diesem Fall das Komische, das unverstanden bleibt.

Selbst langmütige und wohlwollende Filmbesprechungen wie die von Tim Slagman kommen nicht umhin zu konstatieren, “Das Schwein von Gaza” sei über weite Strecken “zäh und gefällig” geraten und attestieren seinem Regisseur “naiven Pseudorealismus”; womit sich der Verdacht erhärtet, dass Sylvain Estibals Entscheidung für ausgerechnet dieses Sujet nicht allein dem Zufall geschuldet sein konnte, sondern einer bereits schon vorher etwas eigentümlichen Sicht auf die Wirklichkeit entspricht.

Das überaus überscihtliche Personal der Handlung setzt sich zusammen aus dem Fischer und seiner Frau, der “jüdischen Siedlerin” (vulgo: Israelin) Yelena, Jafaars Kumpel Hussein, einem Polizisten, dem Friseur Slim, einem Ladenbesitzer und einem UN-Funktionär.

Klingt wie das Personal für irgendeine Produktion des Hamburger Ohnsorg-Theaters, des Millowitsch-Theaters in Köln, oder des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen, nur dass alle der drei soeben genannten Institutionen niemals den für eine populäre Unterhaltungskunst kapitalen Fehler begangen hätten, sich auf ein Terrain vorzuwagen, auf dem sie sich erwiesenermaßen nicht auskennen und von dem sie das Geringste nicht verstehen, und selbst das nur schlecht; davor sei der Geist von Heidi Kabel und Hans Mahler.

Vom Vietcong nach Gaza. Das hat kein Schwein verdient.

Noch dazu scheint “Das Schwein von Gaza” in allem seinen vorhersehbaren Gang zu gehen: Der als liebenswerter Tolpatsch gezeichnete Jafaar fürchtet sich gar schröcklich vor dem Borstenvieh und will es nur schnell wieder loswerden.

Erschwerend kommt hinzu, dass er ja direkt unter israelischer Besatzung lebt – denn die IDF haben seine Dachterrasse als Wachturm gepachtet (2005 in Gaza mag es das gegeben haben); man kann über die “Besatzung” sagen, was man will, wird die Filmstiftung NRW sich gedacht haben, aber gelacht wurde darüber in Deutschland noch lange nicht genug - hihi!

In seiner Not wendet sich Jafaar an die UN, die sich ja auch sonst für keine Sauerei zu schade ist, und die eine Filiale in Gaza-City betreibt. In dieser Filiale hat Georg Tukur ein wirklich sehr komisches Cameo als UN-“Friedens”-Blockwart Schauerland (aus Germany), aber Jafaar muss sich trollen, samt Schwein, denn auch zum reduzierten Preis kann ihm die internationale Gemeinschaft nicht aus seiner Patsche helfen.

Not macht erfinderisch. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nun kommt Friseur Slim ins Spiel: Der hat Kontakte zum Untergrund jenes “legitimen Widerstandes”, den man sich in Frankreich und in Belgien anscheinend wie eine Neuinszenierung der guten alten Résistance vorzustellen versteht; Jean Moulin hätte im Grabe rotiert!

Leider ist der liebenswerte Tollpatsch Jafaar nicht liebenswert, dafür aber tollpatschig genug, um seine Karriere als “Selbstmordattentäter” noch vor ihrem Beginn aufs Spiel zu setzen, indem er Friseur Slim mit der Kalaschnikov den Salon zerschießt; ach, wären doch bloß alle “Selbstmordattentate” immer so herzig-putzig verlaufen, verehrte Leserinnen und Leser – bestimmt ist es bloß mein Mangel an Humor, der mich da nicht lachen lässt.

Bleibt als Jafaars letzte Rettung die “Siedlerin” Yelena von der anderen Seite vom Zaun, die bereits weiß, dass ihre Siedlung land-for-peace -mäßig geräumt werden wird, dem “peace” aber ganz gelassen entgegensehen kann, weil sie sowieso nur ihrem Vater zuliebe Alyah gemacht hat, und sich deshalb auf ihrer Seite vom Zaun mit so schlafwandlerischer Sicherheit bewegt wie die Transitreisenden auf einem internationalen Großflughafen; anderenfalls wäre diese Yelena bei der Filmförderung wohl auch nicht so problemfrei durchzubringen gewesen.

Die russische Einwanderin Yelena, so stellt sich heraus, ist nicht etwa am Schwein interessiert, weil sie es essen will, sondern nur an dessen Sperma; sie betreibt nämlich eine Schweinezucht in Eretz Israel.

Sie denken, das ist aber blöd? Es geht sogar noch blöder!

Nun ja, Kombinationen von mosaischer Religion und unpaarhufigen Wiederkäuern erfreuen sich ja im christlichen Abendland einer gewissen thematischen Tradition, und wie gesagt: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Der Einfall mit dem Schweinesperma klingt nun aber auch nicht unbedingt so, als ob er das Ergebnis großer Witzkunst wäre - blöd genug ist er bestimmt, um im Kino erfolgreich zu sein. In Frankreich wurde “Das Schwein von Gaza” sogar mit einem César als bester Erstlingsfilm dekoriert; sei es auch nur in Ermangelung nennenswerter Konkurrenz.

Es ist eben, wie gesagt, offensichtlich ein Sujet, das auf dem freien Markt keine Chance gehabt hätte, für das die öffentliche Hand aber einspringen wollte, damit auch dieser Film seine Chance auf jene “fifteen minutes of fame” haben konnte, die ihm nach dem Diktum der Filmförderung zustehen.

In Frankreich sahen sich 300.000 Menschen “Das Schwein von Gaza” bereits 2011 im Kino an, und nachdem der deutsche Verleihstart lange hinausgezögert wurde, um dann Anfang des Jahres 2012 ganz dezent auf DVD zu erfolgen, ist ab 2. August der Film in deutschen Kinos anzusehen.

Der Gaza-Streifen sieht in dieser deutsch-französisch-belgischen Koproduktion übrigens verdächtig nach einer stillgelegten Kaserne in der Gascogne aus.

Für die wirklich unwerfende Non-chalance, mit der Sasson Gabbai in “Die Band von nebenan” einen ägyptischen Offizier spielen konnte, der durch ein Missgeschick bei der Unterscheidung zwischen “p” und b” samt seiner Militärkapelle statt in Petach Tikva in Beit HaTikva landet, lässt die Rolle als Jafaar leider keinen Platz; stattdessen gib es jetzt viel Knallchargentum, das aber handwerklich perfekt.

Zu den Momenten, die den Esprit von “Das Schwein von Gaza” wirklich definieren und charakterisieren, gehört der Moment, in dem der liebenswerte, aber tollpatschige Fischer dem Polizisten bei der Grenzkontrolle das Schweinsperma zu trinken gibt, das er in die “Siedlung” schmuggeln möchte; das Getränk scheint einen etwas eigentümlichen Nachgeschmack zu haben, pubertär und ein wenig sähmig im Abgang, genau wie dieser intellektuell unterbelichtete Einfall des Regisseurs Sylvain Estibal.

Es ist eben, wie es scheint, der Humor in “Das Schwein von Gaza” nur ein Hundehaufen, wenn man ihn mit dem einer ernstzunehmenden Komödien vergleicht.

 

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