Zur Diskussion um den Charakter Israels als jüdischer Staat: Alle Völker sind erfunden

Zur Diskussion um den Charakter Israels als jüdischer Staat:

Alle Völker sind erfunden

Von Benny Neuberger

 

Prof. Shlomo Sand zufolge gibt es kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Religion. So sei die Kennzeichnung "jüdisch" in der Bestimmung des jüdischen Staates gänzlich religiös ("Wie man zu einem Volk gehört", Haaretz, 26.9.). In seinen Augen widersprechen sich die Konzepte von Religion und Nation oder haben zumindest nichts miteinander zu tun, und daher kann er die Tatsache nicht akzeptieren, dass viele den jüdischen Staat als Nationalstaat des jüdischen Volkes betrachten. Solch ein Staat kann ein säkularer Staat sein, in dem die Mehrheit der Bürger Juden sind ("Judenstaat"), oder ein Staat, dessen Hauptcharakteristika nicht jüdisch-religiös sind, sondern national-jüdisch (hebräische Sprache, säkulare jüdische Kultur, Verbindung zu den historischen Wurzeln im Land Israel, Identifizierung mit der jüdischen Diaspora). Die meisten Juden in Israel sehen sich als Teil des jüdischen Volkes, und viele sind aus nationalen oder religiösen Beweggründen ins Land eingewandert.

Sand ignoriert, dass die Beziehung zwischen Religion und Nation bei vielen Völkern in unterschiedlichen Formen existiert. Es gibt eine enge Beziehung zwischen der arabischen Nationalität und dem Islam. Es stimmt, dass es auch christliche Araber gibt, aber ihre Stellung innerhalb der arabischen Welt ist problematisch und brüchig. Das griechisch-orthodoxe Christentum ist die Grundkomponente in der griechischen Nationalidentität. Auch das Türkentum ist muslimisch, und nicht neutral in religiöser Hinsicht. Die Serben, Kroaten und Bosnier unterscheiden sich in ihrer Religion, trotz ihrer sprachlich-kulturellen Nähe. Die Burmesen und Tibeter sind Buddhisten. In Sri Lanka verläuft der Konflikt zwischen den buddhistischen Singhalesen und den hinduistischen Tamilen. In Nigeria herrscht ein bitterer ethnischer Konflikt zwischen den muslimischen Haussa-Fulani und den christlichen Ibo. Auch die italienische, spanische und polnische Nationalidentität lässt sich nicht vom Katholizismus trennen, wenngleich es in diesen Völkern (wie unter den Juden in Israel) starke säkulare Strömungen gibt.

Sand spricht von einer "israelischen Nation", ignoriert aber, dass die große Mehrheit der Juden in Israel sich selbst als Angehörige des jüdischen Volkes und die große Mehrheit der israelischen Araber sich selbst als Angehörige des palästinensischen Volkes oder der arabischen Nation betrachten. Die nationale Identität hat eine demokratische Dimension. Eine Person und eine Gruppe bestimmen ihre Identität nicht allein anhand "objektiver" Kriterien wie Sprache oder Religion, sondern hauptsächlich anhand "subjektiver" Kriterien - Bewusstsein, Emotionen, Solidarität, Ideologie. So wenig wie Golda Meir den Palästinensern ihre Identität vorschreiben kann ("Es gibt kein palästinensisches Volk"), so wenig kann Sand den Juden Israels ihre Identität vorschreiben ("Es gibt kein jüdisches Volk").

Sand wurde jüngst mit der Behauptung berühmt, dass jüdische Volk sei vom Zionismus erfunden worden. Auch in seinem Artikel spricht er von der "erfundenen Existenz" des jüdischen Volkes. Wiederum vermeidet er einen vergleichenden Blick auf den Kontext, insofern alle Völker und Nationen auf die eine oder andere Weise erfunden wurden. Vor einigen Hundert Jahren gab es noch keine deutsche Nation - es gab Preußen, Bayern und andere. Auch in Frankreich war die dominante Identität bis Mitte des 19. Jahrhunderts lokal und regional, und nicht französisch. Als Italien 1860 vereinigt wurde, sagte der erste Ministerpräsident: "Nachdem wir Italien geschaffen haben, müssen wir nun ein italienisches Volk schaffen." Amerikanische, australische und kanadische Völker hat es vor 200 Jahren freilich auch noch nicht gegeben. Erfundene Nationen sind keine fiktiven Nationen; sie sind wirkliche Nationen.

Der Gegensatz, den Sand zwischen einem "jüdischen Staat" und einer "israelischen Demokratie" ausmacht, ist künstlich. Die Kennzeichnung "israelisch" ist jüdisch, und daher kann ein jüdischer Staat auch eine israelische Demokratie sein. Ich stimme aber Sand darin zu, dass die Forderung Binyamin Netanyahus, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, ein weiteres überflüssiges Hindernis auf dem Weg zum Frieden darstellt. In den Augen der ganzen Welt ist das Wort "Israel" mit Juden verbunden. Jeder weiß, dass Israel der Staat des jüdischen Volkes ist. Das widerspricht der Tatsache nicht, dass es in Israel eine nationale arabische Minderheit gibt, der alle Rechte zustehen, die eine gute Demokratie garantiert.

 

Benny Neuberger ist Professor für Politische Wissenschaften an der Open University.

 

Haaretz, 06.10.10


06.10.2010