Helden nach Maß

Helden nach Maß

Nun mal zu etwas ganz anderem: Das Filmschaffen hat uns, abgesehen von vielen Kunstwerken, auch so illustre Persönlichkeiten wie Roman Polanski beschert, jener Regisseur, der in den USA noch immer wegen der Vergewaltigung einer Dreizehnjährigen ein Vefahren anhängig hat und sich aus diesem Grund seit 1977 hinter einem französischen Nicht-Auslieferungsabkommen in Paris verschanzt.

von Gerrit Liskow

Dieser Herr Polanski ist nun in die Offensive gegangen, wenngleich nur in die PR-Offensive, und zwar für seinen nächsten Film: “D”. Und das steht weder für Deutschland, noch für Dreizehnjährige.

Selbstverständlich ist die Affaire um Polanskis Missbrauch einer Minderjährigen und deren sexuelle Nötigung während eines Foto-Shootings für Vogue nichts weiter als ein Ausdruck des allertiefsten Hinterwäldlertums und der generellen Zurückgebliebenheit dieser puritanischen Yankees; denn warum sollte ein rechtskräftig Verurteilter, der sich vor einem ordentlichen Gericht zu seiner Schuld bekannt hat, während des Verfahrens aber flüchtig wurde, deswegen weiterhin zur Verantwortung gezogen werden?

So oder so ähnlich dachte sich das zumindest Ex-Président Mitterand, der sich anlässlich des Zürcher Filmfestivals 2009 für den einzigen namhaften Regisseur, der im Chino State Prison, Kalifornien, noch immer ein paar Habseligkeiten abzuholen hat, in die Brust geworfen hat und betonte: ein Mensch wie Polanski stünde eben über dem Recht.

Das war gar nicht schlecht gebrüllt für diesen Löwen der sozialen Gerechtigkeit. Denn alle Tiere sind gleich, aber manche Tiree sind gleicher - das weiß man spätestens seit George Orwells “Farm der Tiere”, nicht wahr, Monsieur le Ex-Président?

Davon mal ganz abgesehen: Irgendwie scheint da was zu sein, mit Leuten, die die USA “puritanisch” finden. Waren die noch nie dort? Hatten die einfach nur keinen Sex, als sie da waren? Oder waren sie nicht mal in Las Vegas? (Allein schon diese vielen Glühlampen dort, einfach schrecklich, liebe Grüne).

D” – wie Polanski!

Doch zurück zum Thema: Herr Polanski, der gefeierte Regisseur, will sein nächstes Sujet, seinen neuen Stoff anpreisen. Gefunden hat er ihn – halten Sie sich jetzt bitte fest, verehrte Leserinnen und Leser – in Alfred Dreyfus.

Richtig, das ist derselbe Dreyfus, der auch aus der Dreyfus-Affäre bekannt ist. Und zwar in seiner Funktion als prototypischer Repräsentant einer verfolgten Minderheit, dessen Geschichte uns wachrütteln soll, um auf das Los anderer verfolgter Minderheiten aufmerksam zu machen - z.B. verfolgte Filmregisseure?

So oder so ähnlich scheint Herr Polanski sich das wohl gedacht zu haben, denn wie erklärte es kein Geringerer als Gustave Flaubert so treffend, als ihm mit Madame Bovary ein Werk von überragender künstlerischer Bedeutung gelungen war? Madame Bovary, c´est moi!

Nun gibt es bekanntlich einen feinen, aber dennoch bedeutungsvollen Unterschied zwischen Alfred Dreyfus und Roman Polanski, und der scheint letzterem, sowie seinen Fans und Groupies, entgangen zu sein.

Und wenn er Herrn Polanski nicht entgangen sein sollte, dann stellt er sich auf jeden Fall sehr geschickt darin an, über diesen nicht ganz unwesentlichen Unterschied hinwegzutäuschen: Dreyfus war das Opfer einer staatlichen Intrige, die ihn mit gefälschten Pseudo-Beweisen ins Gefängnis expidieren sollte; lange, bevor in Gefängnissen von so etwas Ähnlichem wie Maßregelvollzug auch nur die Rede war.

Im Gegensatz dazu hat Herr Polanski bereits 1977 vor einem ordentlichen Gericht in den USA zugegeben, die dreizehnjährige Samantha Geimer sexuell missbraucht zu haben, und ihm wurde dazu in einem ordentlichen Verfahren auferlegt, für 90 Tage ein Gast des Chino State Prison zu sein, um sich psychologisch überprüfen zu lassen, bevor man dann juristisch weitersehen würde.

Das wurde Herrn Polanski nach 42 Tagen wohl zu blöd und er entließ sich selber aus der Haft; es zeichnete sich wohl auch ab, dass er für zurechnungsfähig befunden würde, also im Falle einer Verurteilung wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen (die er bereits gestanden hatte) zu einer Freiheitsstrafe einfahren könnte.

Das Recht – c´est moi?

Herr Polanski ist daraufhin recht überstürzt aus den Verenigten Staaten von Amerika abgereist und hat seiner Abneigung gegen USA-Reisen seit diesem Datum die Treue gehalten. Es konnte in der Sache selbst allerdings von keinerlei Gericht ein Urteil gesprochen werden, zumal der Hauptverdächtige von den Ermittlungsbehörden bisher nicht dingfest gemacht werden konnte.

Es ist natürlich denkbar, dass eine Jury zu dem Ergebnis gekommen wäre, dass an der ganzen Story nichts Strafbares dran gewesen ist (obwohl sich Polanski im Vorverfahren als schuldig im Sinne der Anklage bezeichnet hat).

Es wäre nicht das erste Mal, dass Wahrheiten sich überraschend ändern; siehe etwa den Fall Strauss-Kahn und die Geschichte mit dem Zimmermädchen, das aus Gründen, die anscheinend nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, seine Aussage änderte, bevor es für Strauss-Kahn ernst hätte werden können.

Auch dieser Herr hatte es sehr eilig, die USA zu verlassen; vielleicht, bevor sich die Wahrheit ein zweites Mal ändert? Und naturelement wurde er von den Seinen auf dem Siegerschild empfangen und anschließend wie ein römischer Feldherr herumgereicht, der “diesen puritanischen Yankees” gezeigt hat, was die Harke ist: ein Held nach Maß für seine Fans, genau wie Herr Polanski.

Auf der Flucht” nicht nur mit Dr. Kimble

Aus Gründen der Fairness sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Menschen so lange als unschuldig zu gelten haben, bis ihre Schuld von einem ordentlichen Gericht über jeden vernünftigen Zweifel hinaus erwiesen worden ist; aber Herr Polanski hat sich ja bereits zu seiner Tat bekannt und das Verfahren gegen Strauss-Kahn ist offiziell beendet.

Es ist also zumindest ein prominenter Fall bekannt, in dem sich ein Herr allzu interessierten Fragen der Ermittlungsbehörden durch den Wechsel seines momentanen Aufenthaltsort entzieht, und das ist der des Herrn Polanski. Was übrigens kein Thema ist, dass der US-Gesandte in Paris mit seinem französischen Countrepart bei Cocktails und Cannapées besprechen würde.

Und dann gibt es da noch diesen Fall einer spektakulären, äh, sagen wir jetzt mal: Spazierfahrt auf einigen Interstate Highways, die O.J. Simpson unternehmen wollte, nachdem seine Frau tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden worden war.

Es war bekanntlich nur ein Zufall, dass Herr Simpson just in diesem Augenblick seines Lebens auf die Idee kam, gern etwas mit dem Auto in der Gegend herumfahren zu wollen. Aber was ein guter Anwalt im Fall der Fälle wert sein kann, weiß man spätestens seit den Tagen von Harry Kendall Thaw.

Ich erwähne Thaw nicht etwa wegen O.J. Simpson, sondern einzig und allein, um Herrn Polanski etwas Mut zuzusprechen: Auch in scheinbar aussichtslosen Fällen hat der Angeklagte in den USA eine realistische Chance, freigesprochen zu werden. Sogar in einem Verfahren wegen Mord, und da verstehen die Amis sonst nur wenig Spaß; sehr im Unterschied zu manchem deutschen oder französischen Gericht.

Der alte Polanski ist der neue Dreyfus?

Nun kann sich selbstverständlich auch Herr Polanski halten, für wen er will oder für was er will. Nur seine freiwillig-unfreiwillige Identifikation mit Alfred Dreyfus scheint mir auf eine bemerkenswerte Art und Weise deplaziert zu sein.

Alfred Dreyfus ist, immerhin nach dem Dafürhalten der meisten Meinungen, nicht mehr und nicht weniger als das Fallbeispiel jenes Wahns, der sich die ihm entsprechenden Objekte überhaupt erst erzeugt um sie anschließend bekämpfen und vernichten zu können – in diesem Fall mittels eines Gerichtsverfahren, dass ohne den offenen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts nicht denkbar und auch nicht machbar gewesen wäre.

Herr Polanski ist genau das nicht: Opfer; am wenigsten einer unterstellten Justizverschwörung gegen ihn. Sondern nach seiner eigenen Aussage in der Sache ist er das genaue Gegenteil davon, nämlich der Täter.

Nicht ohne Grund musste er sich deshalb bereits vorwerfen lassen, es entwerte nicht nur einen der einschlägigsten Fälle von offenem Antisemitismus, sondern auch die Gefahren, die von diesem sozialen Wahn ausgehen, wenn ausgerechnet Herr Polanski sich in die Schuhe von Alfred Dreyfus zu stellen versucht.

Aber es ist doch “gut” gemeint!

Was ist denn nun für Polanski selbst das Motiv, “D” zu machen? Nun, es geht ihm nach seinen eigenen Worten darum, die Affaire Dreyfus als Parabel für “Hexenjagden”, “Sicherheits-Paranoia”, “geheime Militärgerichte”, “unkontrollierbare Geheimdienste”, “Vertuschung durch Regierungsstellen” und “Gesinnungs-Journalismus” zu inszenieren.

Ach so. Klingt das nun nur so, als sollte “D” ein Werk werden, das sich vorgenommen hat, die Reaktionen des Westens auf den 9. September 2001 pauschalierend zu verdammen, oder ist das von Herrn Polanski wirklich so gemeint?

Geht es Herrn Polanski ferner auch um eine Unmöglichmachung der Kritik des Islamismus, verstanden als Missbrauch einer Religion für “politische” Zwecke? Eine Unmöglichmachung, die darauf basiert, Moslems als “die Juden unserer Tage” zu konstruieren? (Manche Moslems würden sich bedanken, denke ich).

So, wie das auch Wolfgang Benz “seinem” Zentrum für Antisemtismus-Forschung ins Stammbuch geschrieben hat? In einer Direktive, die soweit ich weiß, bis auf den heutigen Tag nicht revidiert worden ist: Die Islamphobie ist der Antisemtismus unserer Tage?

Aber jetzt mal im Ernst. Lieber Herr Polanski, liebe Frau Schüler-Springorum: Es sind mir keine Fälle bekannt, in denen die sprichwörtliche “kleine radikale Minderheit” unter den Juden der 30er Jahre politisch oder religiös motivierte Terroranschläge verübt hätte, nicht in Deutschland und nicht anderswo.

Es sei denn, Sie möchten Herschel Grynszpans Intervention in eigener Sache beim Delegationsrat der deutschen Gesandtschaft, vom Rath, in Paris am 7. November 1938, gerne als Terroranschlag bewerten. Wobei Ihnen, Madame, Monsieur, nicht entgangen sein wird, dass dieser Posten aus Sicht aller aufrechten Deutschinnen und Deutschen bereits folgenden Tags mittels Reichspogromnacht “abgerechnet” worden ist, Sie mit Ihren Forderungen also zu spät kämen.

Könnte es sein, dass an der Analogie zwischen “den Juden von damals” und der wie auch immer motivierten “kleinen radikalen Minderheit” von heute genauso viel schief ist, wie an der von Herrn Polanski etwas selbstzweckhaft herbeifantasierten Parallele zwischen ihm und Alfred Dreyfus, nämlich so gut wie alles? Ist nur mal eine Frage.

Im selben Sinne auf englisch und mit weiteren Quellen:http://pjmedia.com/lifestyle/2012/05/31/rapist-roman-polanskis-new-film-to-defend-antisemites-and-misogynists/?singlepage=true


10.06.2012




1 Peter Zangerl Peter Zangerl

Datum: 10.06.2012 - 17:24

Liebe Freunde von haOlam,

lieber Gerrit Liskow,

Sie sind, bei allem Respekt gegenüber Ihren sonst sehr informativen und gut recherchierten Artikeln, in diesem berechtigten kritischen Text den Falschdarstellungen der Medien in einem ganz entscheidenden Punkt aufgesessen. Der Begriff "Vergewaltigung" war korrekt, die Worte Missbrauch und sexuelle Nötigung hingegen verharmlosen die wirklich Tat Polanskis ganz erheblich. Wir von suedwatch.de haben uns seinerzeit, im September und Oktober 2009 sowie im Juli 2010, die Berichterstattung der Süddeutschen zum Fall Polanski zur Brust genommen und herausgearbeitet, welche Diskrepanz zwischen dem links-linken Gefälligkeitsjournalismus des Münchner Blattes gegenüber Polanski und den tatsächliche Tatvorwürfen besteht. Wir erlauben uns im Anschluss an diese Zeilen, auf die entsprechenden Artikel bei uns zu verweisen, in denen sie auch die original US-Justizdokumente einsehen können (verlinkt). Jedenfalls, um das hier in aller Deutlichkeit zu sagen, hat Polanski - gestandenermaßen - ein Kind (!) zu Vaginal- (!), Oral- (!) und Anal(!)sex gezwungen. Er hat also das "volle Programm" an einer 13-Jährigen durchgezogen. Das hat mit "Mißbrauch" und "Nötigung" nicht mehr das Geringste zu tun.

Mit besten Grüßen

Peter Zangerl

http://www.suedwatch.de/blog/?p=1858

http://www.suedwatch.de/blog/?p=1860

http://www.suedwatch.de/blog/?p=1882

http://www.suedwatch.de/blog/?p=1898

http://www.suedwatch.de/blog/?p=3501