
Raw Frand zu Parschat Nasso:
Die Tora darf `Schira´ genannt werden, Simra´ jedoch nicht
Die Pssukim (Verse) am Ende von Parschat Bamidbar und am Anfang von Parschat Nasso umschreiben die unterschiedlichen Pflichten der verschiedenen Familien des Stammes Levi. Kehat`s Familie hatte die Aufgabe, während der Reise den Aron Hakodesch (die Bundeslade) auf ihren Schultern zu tragen.
Der Talmud [Sota 35a]behandelt eine Begebenheit im Buch Schmuel II [6: 1-8]. König David befahl, die Bundeslade auf einem Wagen zu befördern. Dies widersprach der Halacha (Gesetzesvorschrift). Es geschah nun, dass der Aron Hakodesch fast vom Wagen gefallen wäre. Usa streckte die Hand aus und versuchte den Aron Hakodesch vor dem Fallen zu retten. Er starb auf der Stelle. Der Talmud berichtet, dass diese Strafe König David deshalb ereilte, weil er die Worte der Tora als Semirot (Lieder) bezeichnet hatte. Es steht nämlich in den Psalmen: „Deine Weisungen waren wie Lieder (Semirot) für mich“ [Tehillim 119: 54]. (Raschi erklärt, dass David „erbauende Freude“ aus den Worten der Tora schöpfte, als er sich in einem angespannten Zustand auf der Flucht vor seinen Feinden befand. Sie vermochten ihn zu trösten wie ein beruhigendes Lied.)
G`tt sagte ihm folgendes: “Über meine Tora steht geschrieben “wenn du nur kurz deine Augen schliesst (d.h., du lenkst dich nur kurz von der Torah ab), wirst du sie verlieren“ [Mischlej 23: 5], und du nennst sie „Semirot“ (Lieder)? Ich werde dich über eine Tatsache stolpern lassen, welche sogar Kindern geläufig ist – nämlich über einen bekannten Vers [Bamidbar 7: 9]; dass der Aron nur von Mitgliedern der Familie von Kehat auf den Schultern getragen werden darf (und nicht auf einem Wagen). David vergass dieses Gesetz leichtfertig und als Folge davon starb Usa einen tragische Tod.
Rav Bergman wirft in seinem Werk „Scha`arej Orah“ folgende Frage auf: Was ist falsch daran, wenn man die Tora Semirot nennt? David nennt sie auch „Scha`aschuaj“, eine freudige und erhebende Lektüre (buchstäblich ein ‚Spiel’instrument)! Wir kennen alle den Vers „Lulej Toratcha Scha`aschuaj, as avadeti be’anji“ [Tehillim 119: 92] („Ohne Deine Tora, welche mein Spielzeug war, wäre ich ob meinen Leiden zusammengebrochen“). Wir können an keiner Stelle in Tanach oder dem Talmud erkennen, dass David für diesen Ausspruch bestraft worden wäre.
Die unvermeidliche Schlussfolgerung ist nun, dass David sich im ersten Vers nicht schuldig gemacht hatte, als er die Tora Spielzeug nannte (Scha`schuaj), sondern als er die Tora als ein Lied („Semirot“) bezeichnete. Was ist es so schrecklich daran, die Tora mit `Semirot` zu bezeichnen? Ich hätte es besser verstanden, wenn die Anklage gegen das Wort Spielzeug gerichtet gewesen wäre. Das könnte unhaltbar sein. Die Tora ist nicht Nintendo – sie ist kein Spiel! Warum ist es eine Sünde, die Tora mit `Semirot` zu bezeichnen? Der Gaon von Wilna macht die Frage noch deutlicher: Die Tora selbst vergleicht die Tora mit einem Lied: “Und jetzt schreibt euch diese Schira (Lied) auf“ [Dewarim 31: 19].
Der Gaon sagt, dass der Unterschied zwischen „Semira“ und „Schira“ immens ist. Semirot, wie die Semirot von Schabbat, sind begrenzt. Sie haben einen Anfang und ein Ende. [Kah Ribbon (ein Schabbatlied), die erste Strophe fängt mit dem hebräischen Buchstaben Jud an, und die Letzte mit einem Lamed – damit ist es fertig. Alle Semirot sind ähnlich.] Schira verkörpert das Unendliche. Schira repräsentiert die Ausdrucksfähigkeit und Manifestation von Gefühlen, welche keinen Anfang und kein Ende haben. Wenn jemand eine Schira anstimmt, dann offenbart er sein innerstes Wesen. Dafür gibt es kein Ende. Sie ist unendlich.
Die Tora kann Schira genannt werden, aber als Simra kann sie nicht bezeichnet werden. Würde man die Tora als Simra bezeichnen, so würde man behaupten, dass die Tora einen Anfang und ein Ende hat und dass man die Tora beenden kann. Das stimmt nicht. Die Tora kann nicht beendet werden. Die Tora entspricht einer Schira – einer unendlich tiefen Ausdrucksweise eines jeden Juden, seinem innersten Wesen. Das war die Sünde König David`s.
Der Ponivescher Rav gab einmal eine hervorragende Erklärung zu einer berühmten Stelle in der Gemara (Talmud) bezüglich dieser Unterscheidung. Der Talmud [Megilla 3b] erwähnt, dass während der Belagerung von Jericho, ein Engel mit gezücktem Schwert Jehoschua bedrohte. Jehoschua fragte den Engel, ob er Freund oder Feind sei. Der Engel gab sich wie folgt zu erkennen: “Ich bin ein Engel des Herrn der Heerscharen; jetzt bin ich gekommen.“ Der Talmud erklärt, dass ein Dialog stattfand. Der Engel gab Jehoschua bekannt, dass er aus Nachlässigkeit zwei Sünden begangen hatte: (a) er hatte das tägliche Opfer an diesem Tag nicht dargebracht und (b) er hatte sein Studium der Tora an diesem Tag vernachlässigt. Jehoschua fragte, für welche der beiden Sünden er denn zur Verantwortung gezogen werde. Darauf antwortete ihm der Engel: „Jetzt bin ich gekommen.“ D. h. für die aktuelle Sünde, für die Vernachlässigung des Torastudiums.
Tosafot erklärt die Verbindung zwischen den Worten „ATA bati“ („ich bin JETZT gekommen“) und der Nachlässigkeit im Toralernen mit dem Vers „veATA kitvu lachem et Haschira hasot“ („und schreibt euch JETZT dieses Lied (die Tora) auf“) [Dewarim 31: 19].
Der Ponivescher Rav fragt, warum sich der Engel auf eine so weit hergeholte Stelle bezog, statt Jehoschua ohne Umschweife zu sagen –„Ich bin gekommen, weil du im Toralernen nachlässig warst?“ Der Ponivescher Rav antwortet, dass jemand der mitten im Kampf steht und mitten in einer Belagerung ist, Millionen von Entschuldigungen hat, nicht zu lernen. „Ich bin zu beschäftigt“, „Ich bin besorgt“, „Tausende von Dingen schwirren durch meinen Kopf“.
Was für einen Grund hat es, dass eine Person jederzeit lernen muss, ungeachtet der Umstände? Wegen der Tatsache, welche in diesem Vers angedeutet wird: “Und jetzt schreibt euch diese Schira (Lied) auf.“ Die Tora ist ein Lied, welches keinen Anfang und kein Ende hat. Sie ist zeitlos. Man soll sich darin an jedem Ort und unter allen Umständen vertiefen. Sie ist die unendliche Ausdrucksform des Menschen in jeder Lebenslage. Natürlich, du bist müde, und bedrückt, und ausserdem mitten in der Schlacht. Jedoch: „JETZT bin ich gekommen.“ Es gibt keine Entschuldigung für Nachlässigkeit im Toralernen. Tora ist nicht durch Zeit und Raum beschränkt. Sie ist unendlich, wie die Schira.
Quellen und Persönlichkeiten:
Poniwescher Rav (1886 – 1969) [Rav Josef Kahaneman]; Litauen; Bnej Berak, Israel
(c) Project Genesis und Verein Lema´an Achai / Jüfo-Zentrum und learn@torah.org, sowie http ; //www.torah.org
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