TV-Duell in Ägypten: Moussa nennt Israel `unseren Gegner´, Fotouh `unseren Feind´

TV-Duell in Ägypten:

Moussa nennt Israel `unseren Gegner´, Fotouh `unseren Feind´




In der allgemein begrüßten ersten TV-Inszenierung von „politischem“ Dissens in der arabischen Welt leisteten sich die Kandidaten der ägyptischen Präsidentschaftswahlen bei innenpolitischen Themen stellenweise den Luxus divergierender Meinungen. Zumindest im selben Maß, in dem sie in der großen Linie ihrer Außenpolitik übereinstimmten: der Revision des Camp David Abkommens (1979) und in der Bewertung Israels als „Gegner“ (Moussa) bzw. „Feind“ (Fotouh). Es wäre naiv gewesen, etwas Anderes erwartet zu haben.

von Gerrit Liskow

Die öffentliche Stimmung, die in der Erstürmung der israelischen Gesandtschaft in Kairo gipfelte, sowie der Druck etwa auf die jüdische Gemeinde in Alexandria, deren Vorstand nach Ausbruch des sogenannten arabischen Frühlings „politisch“ linientreu umbesetzt wurde, sprechen eine deutliche Sprache. Israel hat zwar einen Friedensvertrag mit Ägypten, aber wie es aussieht, hat Ägypten noch lange keinen Frieden mit Israel gemacht.

Das über vierstündige ägyptische TV-Duell, das von zwei privaten ägyptischen Rundfunkanstalten live übertragen wurde, zeigte in der Einleitung Bilder vom ersten TV-Duell der Welt; also dem zwischen Kennedy und Nixon 1960. Jenes Duell, das letztgenannter nach Meinung seiner Berater nicht zuletzt deshalb verlor, weil er sich um fünf am Nachmittag nicht noch mal rasieren lassen wollte; zudem soll er alle Angebote der Maskenbildnerin hinsichtlich eines fernsehtauglichen Make-ups brüsk zurückgewiesen haben. In der Folge, insbesondere im Vergleich zu Kennedy, wirkte Nixon dann wie ein frischverschwitzter Gebrauchtwagenhändler aus der Provinz, den der Campaign-trail am Kantstein aufgepickt und eben noch in einen besseren Anzug gesteckt hatte. „Tricky Dicky“ musste bekanntlich bis 1969 warten, bevor er US-Präsident werden konnte, und auch danach ist ja für ihn nicht immer alles ganz glatt gelaufen.  

Doch zurück zu dem TV-Duell der beiden ägyptischen Spitzenkandidaten. Abdel Moneim Aboul Fotouh begann seine Karriere bei der Moslembruderschaft bekanntlich 1975 im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung mit Anuar el-Saddat, in der Fotouh den damaligen Noch-Präsidenten einen „Heuchler“ nannte. Damit war die Diskussion für Saddat beendet, und für Fotouh begann eine „politische“ Laufbahn, die erst endete, nachdem er sich im letzten Jahr für eine Kandidatur  als Präsident von Ägypten und gegen seine Partei, die Moslembruderschaft, entscheiden musste; immerhin tritt die Moslembruderschaft nur zu solchen Kämpfen an, die sie gewinnen kann, und sprach sich deshalb dagegen aus, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, woraufhin Fotouh eben als unabhängiger Kandidat antrat.

Bei Amr Moussa hingegen handelt es sich um den erfolgreichen Karrierediplomaten und langjährigen Außenminister Ägyptens (1991 – 2001), der sich im direkten Vergleich zum etwas grobgestrickt wirkenden Fotouh im ägyptischen TV als Mann von Welt und fleischgewordene „politische“ Eleganz zu inszenieren versuchte. Beim Thema „Israel“ – das Israel Moussas „politischer“ Fantasien – versteht und verstand der Kandidat es, für die Galerie zu spielen und weiß die antisemtisch erregten Massen hinter sich. Immerhin hat seine „Kritik“ am israelischen Vorgehen auf der sogenannten West Bank und im Gaza-Streifen ihm bereits 2002 eine vorher nicht da gewesene Popularität verliehen, und es dürfte von daher keine Frage sein, für welchen der beiden Kandidaten bei der deutschen „Linken“ die „politischen“ Herzen schneller schlagen. Auch beim Thema Atomenergie hat Moussa sich schon mal aus dem Fenster gelehnt; nämlich, als er die USA der „Heuchelei“ zu bezichtigen versuchte, weil sie eine atomare Bewaffnung der jüdischen Demokratie „decke“ und Iran gleichzeitig die „friedliche“ Nutzung der Kernenergie „verböte“; anlässlich seiner Rede beim Forum for New Diplomacy im Februar 2010, mit der Herr Moussa sich bei den Mullahs in Teheran gewiss viele “politische” Freunde gemacht haben wird.

Steuern, Bildung, Sharià

Wie gesagt wurde das TV-Duell in Ägypten als Beitrag zur “politischen” Willensbildung und demokratischen Reife allgemein sehr begrüßt; und jenseits der großen außenpolitischen Linie im Kampf gegen den “Großen” und den “Kleinen Satan” soll es bei innenpolitischen Herausforderungen, also Fragen der richtigen Methode, auf den Gebieten Steuern, Bildung, Sharià durchaus Raum für Unterschiede zwischen den Kandidaten geben. So unterstellte Fotouh, sein Konkurrent Moussa meine es mit dem islamischen Gesetz nicht ernst genug, während Fotouh einen an dieser Stelle durchaus angreifbaren Moussa als Mann der untergegangenen Mubarak-Diktatur zu porträtieren versuchte; der solcherart Angegriffene versuchte sich zu verteidigen, indem er darauf verwies, das Regime Mubarak sei ohne ihn untergegangen, was durchaus den Fakten entspricht, denn Amr Moussa war damals Chef der Arabischen Liga und hatte keine innenpolitische Funktion mehr unter Mubarak, vor allem keine offizielle.

Am deutlichsten wurden die Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten allerdings, als es um die Persönlichkeit ihres jeweiligen Kontrahenten und Mitbewerbers ging. Hier landete Amr Moussa den ersten Treffer, indem er Fotouh als ein “politisches” Chamäleon beschrieb: einer, der “bei den Salafisten ein Salafist und bei den Liberalen ein Liberaler” sei, so Moussa wörtlich; ich persönlich halte es für eher unwahrscheinlich, dass Fotouh das “politische” Talent eines Ruprecht Polenz (CDU) besitzt. Weiterst präsentierte Moussa seinen Konkurrenten als U-Boot der Moslembruderschaft, was Fotouh etwas hölzern quittierte: “Mir scheint, Amr Moussa hat die Nachrichten nicht aufmerksam genug gelesen, sonst wüsste er, dass ich aus der Moslembruderschaft ausgetreten bin, als ich mich zur Kandidatur für die Präsidentschaft entschied”.

Nun ja, für einen ersten Versuch in Sachen „politischer“ Dissens war das schon gar nicht schlecht, denn viel zu streiten gibt es ja jenseits der großen außenpolitischen Linien anscheinend auch in Ägypten nicht. Die Wahlen, deren erste Runde in zwei Wochen, und deren zweite Runde dann Ende Juni stattfinden soll, drehen sich, wie in anderen entwickelten Demokratien auch, jenseits der Sachzwänge vor allem um Fragen der Methode, also letztlich der Ästhetik und des Geschmacks – beide Kandidaten wollen im wesentlichen dasselbe, sie wollen es nur auf unterschiedliche Art und Weise und in unterschiedlicher Intensität. Und vor diesem Hintergrund sieht die ägyptische Wahl weniger aus wie eine Wahl zwischen alternativen politischen Inhalten, sondern wie eine zwischen dem etwas hinterwäldlerischen, aber ungeheuer authentisch und volkstümlich wirkenden Fotouh, und dem nicht weniger populären Moussa, der dieselben „politischen“ Inhalte lediglich mit etwas mehr Weltläufigkeit und savoir-faire verkörpert. Was für Mousse ein Nachteil und Vorteil zugleich sein kann, denn seine Karriere unter Mubarak wird ihm von seinem Mitbewerber auch weiterhin vorgeworfen werden - wobei dieses savoir-faire andererseits genau das sein kann, was in der schwierigen Übergangsphase, in der Ägypten sich ohne Frage befindet, bei vielen der 80 Millionen Wählerinnen und Wählern den Eindruck von Sicherheit vermitteln mag.

Was die beiden Kandidaten für den Fall ihres Wahlsieges mit den fünfeinhalb Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe aus den USA und den überaus lukrativen Wirtschaftsbeziehungen zu Israel anzustellen gedenken, war übrigens zu keinem Zeitpunkt des TV-Duells ein Thema; zu viel Realismus kann manchen „politischen“ Wolkenkuckucksheimen eben durchaus abträglich sein.

Ausgewählt für das TV-Duell wurden lediglich die beiden aussichtsreichsten Kandidaten; nicht anders, als etwa auch in Frankreich. El-Baradei, Poster-Boy “europäischer”, insbesondere deutscher “politischer” Fantasien von “arabischem Frühling” und “demokratischen Aufbruch” in Ägypten ist bei diesen Wahlen übrigens gar nicht erst angetreten. Es scheint, als könne er die Chancen seiner Positionen und Inhalte bei weitem besser beurteilen, als seine Fans und Groupies im sogenannten Westen, beim deutschen Staatsfunk und den diversen “Qualitätsmedien”. Die bildungsfernen Schichten indes, die bei ARD und ZDF, bei Zeit und SZ, ihren Dienst versehen, seien noch einmal daran erinnert, dass der Frühling den Autoren der antiken Welt als ein Vergewaltiger galt, der die Welt nach einer winterlichen Ruhephase gewaltsam übermannte. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht sogar nicht nur natürlich, sondern sogar wünschenswert, dass auf den Frühling der Sommer folgt.


Autor: haolam.de
Bild Quelle:


Sonntag, 13 Mai 2012