Arno S. Hamburger im haOlam.de-Interview: Herrn Kramers Aufforderungen sind unwürdig und dumm

Arno S. Hamburger im haOlam.de-Interview:

Herrn Kramers Aufforderungen sind unwürdig und dumm




In einem sogenannten Streitgespräch zwischen dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden (ZdJ); Stefan Kramer, und der Aktivistin der sogenannten "Jüdischen Stimmen für einen gerechten Frieden", Ines Hefets, kam es zu Aussagen des ZdJ-Vertreters, die in- und außerhalb der jüdischen Gemeinschaft Unverständnis und Empörung auslösten.haOlam.de sprach mit Arno S. Hamburger über einige Aussagen von Kramer bezüglich des Holocausts und des Verhältnisses zu Israel. Hamburger, Jahrgang 1923, ist seit 1972 Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKG) und damit der dienstälteste Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Deutschland.

Nachdem der gebürtige Nürnberger erfolgreich vor der Nazi-Barbarei fliehen konnte, diente er ab 1941 in der britischen Armee. An den Nachfolgeprozessen des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals gegen Größen des Nazireiches nahm er als Dolmetscher und Übersetzer teil.

Arno Hamburger ist seit 1972 für die SPD im Nürnberger Stadtrat, davon viele Jahre als stellvertretender Vorsitzender der Stadtratsfraktion. Er ist Mitglied im Ältestenrat und arbeitet in mehreren Ausschüssen.

Einige Verwandte von Hamburger wurden von den Nazis deportiert. Eine Tante wurde im Alter von 29 Jahren in den Osten verschleppt. Die Großeltern waren im Vernichtungslager Sobibor und ein Onkel im KZ Mauthausen. Aufgrund seiner politisch exponierten Stellung wurde Arno Hamburger oft von Alt- und Neonazis angefeindet und beschimpft.

Aus Protest gegen die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an die rabiate Israelgegenerin Felicia Langer gab Hamburger seine Bundesverdienstkreuze zurück. Arno S. Hamburger genießt weit über die Granzen der jüdischen Gemeinde in der Nürnberger Bevölkerung hohes Ansehen und Achtung.

Interview mit Arno S. Hamburger:

ZdJ-Generalsekretär Kramer forderte die Juden dazu auf, "auf den Juden-Holocaust-Bonus" zu verzichten und nicht in der "Opferecke" zu verharren.. Herr Hamburger, sind Sie schon aus ihrer Opferecke herausgekommen?

Die Aufforderung, auf den „Juden-Holocaust-Bonus“ zu verzichten und nicht in der „Opferecke“ zu verharren ist unwürdig und einfach dumm. Es ist unsere Pflicht, stets an die 6 Millionen Opfer zu erinnern. Man spricht heute noch von den Untaten der Hunnen und Kreuzfahrer, der Holocaust ging ja gerade erst einmal vor 65 Jahren zu Ende. Wir sind es den Opfern schuldig, stets darauf hinzuweisen, und es ist von großer Wichtigkeit, auch gerade kommenden Generationen aufzuzeigen, was geschah und was passieren kann, wenn man nicht rechtzeitig einschreitet.

Die Reaktionen auf Kramers Aussagen waren aber nicht nur negativ. Auch sein Vorwurf, einige Politiker in Israel würden angeblich den Holocaust missbrauchen, um die eigene Politik zu rechtfertigen, löste auch positive Reaktionen aus - die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA war ganz begeistert ....

Wenn mich mein Todfeind lobt - spätesten dann muss ich wissen, das ich etwas falsch gemacht habe. Das iranische Regime macht keinen Hehl daraus, dass es Israel vernichten, von der Landkarte streichen will. Es überrascht also nicht, dass solche Aussagen im Iran Begeisterung auslösen.

Ist Herr Kramer repräsentativ für die Juden in Deutschland?

Nein, niemand ist repräsentativ für die jüdische Gemeinschaft - dafür gibt es zu viele verschiedene Meinungen unter den Juden, egal ob in Israel oder in der Diaspora.

Herr Kramer hat auch das Vorgehen Israels bezüglich der sogenannten "Free-Gaza-Flotte" kritisiert und gefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen .....

Wissen Sie, das mit der Israelkritik ist immer so eine Sache. Wenn ich in einem klimatisierten Büro in Berlin sitze und meine einzige Sorge ist, ob die Klimaanlage der Hitze standhält, kann ich Israel leicht kritisieren. Anders ist die Situation, wenn ich in Israel lebe und mir wöchentlich oder manchmal sogar täglich die Raketen aus dem Gazastreifen um die Ohren fliegen und um mich herum Personen, Organisationen und auch Regierungen sind, die gar keinen Hehl daraus machen, dass sie den Staat Israel und damit auch seine Bevölkerung vernichten wollen. Es ist gar keine Frage, dass nicht immer alles optimal läuft. Und wenn man die Zeit hat, eine Situation in Ruhe zu betrachten und sich in Ruhe überlegen kann, wie man darauf reagiert, wäre das optimal. Aber leider hat man in einer konkreten Bedrohungssituation nicht immer das Privileg, viel Zeit zum nachdenken und reagieren zu haben.

Herr Kramer moniert auch Bilder, auf denen Achmadinedchad vor den Toren von Auschwitz dargestellt und mit Hitler verglichen wird. Herr Kramer empfindet das als falsch. Sie, Herr Hamburger, sind Überlebender des Holocaust. ...

Ja, das stimmt.

... fühlen Sie sich durch solche Darstellungen provoziert oder beleidigt? Ist es falsch, Achmadinedchad mit Hitler zu vergleichen?

Hitler war zwar der größte Verbrecher, den die Menschheit je hervorgebracht hat, und trotzdem ist es nicht falsch, Achmadinedschad mit Hitler zu vergleichen.

Achmadinedchad will das gleiche machen, was Hitler versucht hat. Achmadinedchad betont immer wieder, dass er Israel von der Landkarte tilgen will und arbeitet an der atomaren Bewaffnung seines Regimes. Das bedeutet nichts anderes, als die Vernichtung der Bevölkerung Israels! Wie sonst sollte Achmadinedchad sein Zeil verwirklichen wollen? Man muß deutlich sagen, was dieser Mann und sein Regime vorhaben, welche Gefahr von ihm ausgeht.

Hätten Sie sich mit Frau Hefets zu einem Streitgespräch getroffen?

Ja natürlich. Ich rede mit jedem, auch wenn unsere Meinungen völlig auseinandergehen. Aber es wäre dann tatsächlich ein Streitgespräch geworden, das diese Bezeichnung auch verdient. Das wäre nicht so kuschelig geworden. Ich verstehe es nicht, wie Menschen, die sich aus Israel ins bequeme Ausland verziehen, in einer solchen Art den Israelis Vorhaltungen machen und diejenigen beschimpfen, die in Israel bleiben, den Gefahren trotzen und das Land aufbauen. Das ist unverschämt.

Sie haben Kinder, Enkel und Urenkel, die in Israel leben, einer ihrer Enkel leistet gerade seinen Wehrdienst in der israelischen Armee. Was denkt der Groß- und Urgroßvater Hamburger, wenn er die Nachrichten aus Israel hört und sieht?

Juden werden nie wieder wehrlos sein. Juden werden sich nie wieder wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Wenn wir angegriffen und bedroht werden, setzen wir uns zur Wehr, ob in Israel oder in der Diaspora.

Herr Hamburger, vielen Dank für das Gespäch.

Das Interview führte Jörg Fischer-Aharon / Foto: Arno S. Hamburger

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Autor: haolam.de
Bild Quelle:


Donnerstag, 15 Juli 2010






Lieber Herr Hamburg, vielen herzlichen Dank für die klaren Worte!



Herr Hamburger ist dafür bekannt, nicht nur Geradlienig zu sein, sondern die Dinge auch deutlich beim Namen zu benannen. Das hat er in diesem Interview getan.



Sehr gut gesprochen Herr Hamburger!

Zu den Sätzen "Juden werden nie wieder wehrlos sein. Juden werden sich nie wieder wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Wenn wir angegriffen und bedroht werden, setzen wir uns zur Wehr, ob in Israel oder in der Diaspora." möchte ich noch anmerken: egal wie die restliche Welt es sieht, die Regierung Israels ist verpflichtet, ihr Volk zu schützen und notfalls mit "Zähnen und Klauen" zu verteidigen.

So wie es aussieht, wollen manche Zeitgenossen nicht sehen, dass Israel akut bedroht ist. Dass für Leute, die nicht unter solch einer permanenten Bedrohung leben müssen, manche Handlungen und Reaktionen Israels überzogen erscheinen, muss hingenommen werden. Aber wer Kritik üben will, sollte sich zuvor mit der  g a n z e n  Geschichte vertraut machen.



Endlich! Endlich hat auch ein offizieller Repräsentant klare Worte zu den Ungeheuerlichkeiten des Herrn Kramer gesagt! Vielen Dank an Herrn Hamburger und vielen Dank an haOlam.de!



Kramer steht für einen neuen Zeitgeist der Juden in der BRD.Verständlich dass man versucht ihn in die Ecke des Israelfeind zu schieben. Neben den alten Juden sollte man den jungen hier geborenen die Chance geben, hier in der BRD angekommen zu sein, d.h. man mengt sich ein, entwickelt eigene Betrachtungen von dem Richtigen oder Unrichtigen, was die israelische Regierung dort tut. Wenn die deutsche jüdische Jugend sich von der kollektiven geistigen Vereinnahmung nicht trennt, wird sie in der BRD  nie ankommen. Denn wir jungen Deutschen wollen uns bei jedem Kritiksatz nicht dauern entschuldigen müssen, was unsere Großväter den deutschen Juden angetan haben, ehe wir mit unserem Satz fortfahren dürfen. Diese Rituale passen nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Kollektive Verantwortung für die deutschen Juden trägt das Deutsche Volk aufgrund der Geschichte unausrottbar, also - lasst uns normal miteinander umgehen. Kramer scheint das erkannt zu haben.   



Sehr geehrter Herr Hamburger

Auch viele Deutsche werden die Juden in Deutschland nötigenfalls mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Das versichere ich ihnen!



@ Siggi:

Niemand nimmt jemanden anderen in Kollektivschuld. Kramer will auch keinen "normalen Umgang", sondern die Entsolidarisierung mit Israel und er will die Geschichte abwickeln. Er vertritt auch eine Meinung, die gerade von den jungen und jüngeren Juden in Deutschland und Europa nicht geteilt wird - ganz im Gegenteil. Diese Gruppe "Jüdische Stimmen" hat in der Bundesrepublik Deutschland weniger als 100 Mitglieder. Die meisten davon leben in Berlin, etwa 20 bis 25 - das war´s dann aber auch schon.



Haolam.de:

"dJ-Generalsekretär Kramer forderte die Juden dazu auf, "auf den Juden-Holocaust-Bonus" zu verzichten und nicht in der "Opferecke" zu verharren.."


Stephan J. Kramer (Originalzitat):

"Ich will aber keinen Juden-Holocaust-Bonus haben und würde auch nie auf die Idee kommen, ihn einzufordern. Entweder habe ich gute Argumente für die Position, für die ich eintrete – oder eben nicht. Wir kommen als jüdische Gemeinschaft in Deutschland langfristig nur weiter, wenn wir aus dieser Opferecke rauskommen – und zwar selbstbewusst."

Er sagte im taz-Interview (xxx): "ich", was den "Juden-Holocaust-Bonus" anbelangt - und was die Opferecke angeht, so ist das eine Fremdzuweisung und Kramer hat jedes Recht dazu, sich davon zu distanzieren - auch in der "wir"-Form.

Hat Dr. Hamburger besagtes Interview überhaupt gelesen?

(Anm.d.Red.: Das "Streitgespräch" wurde bei haOlam.de bereits zur Originalquelle verlinkt, es ist nicht notwendig eine Sekundarquelle zu verlinken. Ja, Herr Hamburger hat das "Streitgespräch" selbstverständlich gelesen, bevor das Interview mit haOlam.de stattfand. Ihr Realtivierungs- und Rechtfertigungsversuch ist sehr konstruiert.) 



Innerjüdische Auseinandersetzung zwischen Reformern und Traditionalisten, mehr nicht. Und nun aus Frankfurt die Wetterkarte...



Echt? Wußte gar nicht, das Du jetzt auch Experte für innerjüdische Angelegenheiten bist. Und wer ist was nach deiner Meinung?