Gilad Atzmon, John Mearsheimer und der ... Antisemitismus mit `akademischen´ Mitteln

Gilad Atzmon, John Mearsheimer und der ...

Antisemitismus mit `akademischen´ Mitteln




Alan Dershowitz kritisiert John Mearsheimers Empfehlung für einen zweifelhaften Text über jüdische Identität.

Stellen Sie sich bitte vor, ihr Sohn oder ihre Tochter wäre bei der Universität Chicago, eine der elitärsten akademischen Einrichtungen der Welt, angenommen worden, und erzählt Ihnen nun, ihm oder ihr wäre von einem der herausragenden Professoren dieser Uni ein Buch empfohlen worden, das die folgenden Tatsachenbehauptungen aufstellt:

-          Wenngleich „der Holocaust kein historischer Narrativ“ sei, könnte die Behauptung „Juden hätten Matze aus dem Blut junger Nichtjuden gemacht“ wahr sein (S. 175, S. 185)

-          Die Juden hätten die Finanzkrise ausgelöst, die der Autor den „Zio-crash“ nennt (S. 22)

-          Die US-Medien hätten es „versäumt, vor dem inneren Feind zu warnen“ – wegen dem Geld (S. 27)

-          „mehr und mehr Juden werden in eine zweifelhafte, gefährliche und unethische Zugehörigkeit hineingezogen“ (S. 21)

-          Wenn es zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran käme, könnten „einige mutig genug sein zu behaupten, dass Hitler möglicherweise recht gehabt hat“ (S. 179)

-          Die jüdische Religion wäre „höchstwahrscheinlich die finsterste Religion, die der Menschheit bekannt ist“ (S. 149)

Der Autor dieser Zeilen meint übrigens auch:

Ich kann nicht sagen, ob es richtig ist oder falsch ist, eine Synagoge niederzubrennen. Aber ich kann sagen, dass es vernünftig wäre.“

Weiter hat dieser Autor sich bei den Nazis bereits dafür entschuldigt, sie mit Israel verglichen zu haben:

„Viele von uns neigen dazu, Israel mit Nazi-Deutschland gleichzusetzen. Immer wieder behaupten ich und viele andere, dass die Israelis die Nazis unserer Tage wären. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um diese Aussage zu vervollständigen. Israelis sind nicht die Nazis unserer Tage und die Nazis waren nicht die Israelis ihrer Zeit. Vielmehr ist es so, dass Israel viel schlimmer als Nazi-Deutschland ist, und der eingangs gemachte Vergleich ist einfach sinnlos und irreführend.“

Derselbe Autor hat auch geschrieben, dass „wir die Anschuldigung, das jüdische Volk wolle die Weltherrschaft anstreben, sehr ernst nehmen müssen“, und „eingedenk Fagin und Shylock, israelische Barbarei und Organschmuggel einfach nur weitere Stationen in einem ewigen höllischen Kontinuum zu sein scheinen.“

Das eingangs geschilderte Szenario – ein prominenter Professor, der ein unmissverständlich antisemitisches Buch zur Lektüre empfiehlt – ist keineswegs erfunden.

John Mearsheimer hat in der Tat eine glühende Empfehlung (dieses „faszinierende und provokante“ Buch „sollte von möglichst vielen gelesen“ werden) auf ein glühend antisemitisches Buch von einem auf geradezu infame Art bigotten Autor verfasst.

Dieses Buch nennt sich „Der Wander-Wer?“*und wurde soeben von Gilad Atzmon veröffentlicht, einem britischen Saxophonspieler und allgemein bekannten Heuchler, der offen zugibt, dass viele seiner „Erkenntnisse“ einem Mann geschuldet sind, der „ein Antisemit war“ und ein überzeugter Hasser „von so gut wie allem, das nichts mit arischer Maskulinität zu tun hat“ (S.89f). Gilad Atzmon bezeichnet sich selbst als „stolzer, sich selbst-hassender Jude“ und schreibt voller Verachtung von „dem Juden in mir“ (S.94). **

Mearsheimers Lobrede steht kaum zu übersehen auf der ersten Seite dieses Buches. Er schützt nicht bloß Gilad Atzmons Recht, ein antisemitisches Buch zu veröffentlichen ***; vielmehr empfiehlt er den Inhalt dieses Buches ausdrücklich.

Mearsheimer sprang Richard Falk, Emeritus des Internationalen Rechts (Norman Paech von der deutschen „Links“-Partei würde sagen: Völkerrecht, A.d.Ü.) von der Princeton Uni zur Seite.

Falks Empfehlung, die auf dem Cover von „Der Wander-Wer?“  steht, nennt das Buch „fesselnd“, „bewegend“ und „verwandelnd“. Er attestiert dem Buch „Integrität“ und empfiehlt ferner, es solle nicht nur „gelesen, sondern auch reflektiert und diskutiert werden“.

Man fragt sich, um genau welchen Teil des Buchs es Falk geht: Dass der Holocaust „kein historischer Narrativ“ ist? Dass Juden dafür verantwortlich sind, dass „Matze aus dem Blut junger Nichtjuden gemacht“ werden? Oder um die Möglichkeit, dass „Hitler vielleicht recht gehabt haben könnte“?

Ich habe bestimmt viele „akademische“ Empfehlungen für Bücher gesehen, die in ihrem Hass auf Israel extrem waren, aber noch nie in meinem langen Berufsleben ist es mir untergekommen, dass namhafte amerikanische Wissenschaftler unmissverständlichen Antisemitismus empfehlen. Hier ist zum ersten Mal eine Grenze überschritten worden, und das ist bemerkenswert und verdient aufgrund seiner Gefährlichkeit eine Antwort.

Professor Mearsheimer sollte aufgrund seiner Empfehlung für die älteste Heuchelei der Welt weder zensiert noch gefeuert werden, zumal seine akademische Freiheit das Recht beinhaltet, antisemtische Ansichten zu unterstützen und jedes Buch zu empfehlen, das ihm gefällt.

Aber solange Mearsheimer seine Empfehlung nicht widerruft, sollten seine Kollegen und Studenten ihm für seine Kollaboration mit dem Bösen die kalte Schulter zeigen. Mearsheimer mag selbst kein Antisemit sein, aber er unterstützt und fördert den Antisemitismus, indem er seine Studenten dazu drängt, den Inhalt von „Der Wander-Wer?“ ernst zu nehmen.

Die traurige Wahrheit ist, dass Mearsheimer keineswegs die kalte Schulter gezeigt bekommt. Seine Kollegen unterstützen ihn vielmehr: Brian Leiter von der juristischen Fakultät der Chicago U nennt die Kritik an Mearsheimer „hysterisch“, zumal Atzmons „Ansichten ihn nicht als Antisemiten, sondern als Kosmopoliten“ auszeichnen würden. Mearsheimer wird außerdem unterstützt von meinem Harvard-Kollegen Professor Stephen Walt und weiteren US-amerikanischen Akademikern.

Das ist der Skandal – und darin besteht die Gefahr.

* Bereits der Titel dieses Buches, „The Wandering Who?“, ist eine inhaltliche und phonetische, mit Vorsatz gemachte Anspielung auf das auch in den USA bekannte Wort vom „Wanderjuden“, nichts anderes als ein antisemitisches Stereotyp.

** Gilad Atzmons bekannte Äußerungen haben bislang nicht dazu geführt, dass seine Auftritte in „links“-alternativen Veranstaltungszentren wie etwa der „Fabrik“ in Hamburg-Ottensen verminderter Beliebtheit erfreuen.
Und hat nicht auch die französische Staatsanwaltschaft jüngst dem anderen Lieblings-„Israel-Kritiker“ der deutschen „Kulturnation“, Lars von Trier, von einem Liebesständchen für Hitler auf dem Filmfest in Cannes freigesprochen, indem sie ihm attestierte, zum Zeitpunkt seiner justiziablen Äußerungen „unter Stress“ gestanden zu haben; was dem Erfolg seines letzten Oeuvres beim Publikum kaum nennenswerten Abbruch getan haben soll.

*** Viele der von Gilad Atzmon gemachten Aussagen könnten in Deutschland justiziabel sein; in den USA ist Antisemitismus jedoch durch einen weitgefassten Begriff von Meinungsfreiheit vor rechtlichen Eingriffen in größerem Umfang geschützt, als in Deutschland.

 

Übersetzung: Gerrit Liskow


Autor: haolam.de
Bild Quelle:


Donnerstag, 22 Dezember 2011